Kultur

Experiment-Ergebnis: Priming von fiktionalen Medieninhalten

Vor einiger Zeit hatte ich einige meiner Freunde gefragt, ob sie denn an einer kleinen Studie teilnehmen würden, alles, was sie dafür tun mussten, war ein paar Simpsons-Folgen online anzusehen und danach einen kurzen Fragebogen zu beantworten. Der Grund der Untersuchung: Wir wollten im Rahmen des Seminars herausfinden, wie sich Nutzer Fernsehserien über Internet ansehen und wie sie sich dabei unterhalten fühlen.

Jeder der schon mal eine Studie oder ein Experiment durchgeführt hat, wird bei so einem allgemein gehaltenen Untersuchungsgrund schon stutzig werden. Dankenswerterweise hatte keiner unserer Probanden schon gleich zu beginn ernsthafte Bedenken oder Fragen an uns gerichtet, denn der Grund unseres Experiments war ein ganz anderer.

Anders als in unseren Mails an unsere Probanden hieß das Seminar nicht „Medien im Alltag“, sondern „Priming politischer Urteile durch fiktionale Medieninhalte“, was dann schon ziemlich genau sagt, worum es uns eigentlich ging.

Übersetzt für Nicht-Kommunikationswissenschaftler: Mit dem Untersuchungsdesign wollten wir nachweisen, dass fiktionale Medieninhalte, wie z. B. Fernsehserien, einen Einfluss auf unsere Bewertung von Politik haben und das, obwohl Politik in dem Inhalt überhaupt nicht explizit vorkommt.

Dass es uns um Politik geht, ist dem ein oder anderen dann sicherlich auch aufgefallen, als nach den drei Folgen Simpsons, im abschließenden Fragebogen plötzlich so ausführlich nach euren politischen Ansichten gefragt wurde. Aber da hatten wir euch schon in der Falle ;)

Eigentlich hatten wir in unserem Experiment an alles gedacht, wir hatten dabei im Grunde nur das Priming-Experiment von Iyengar und Kinder an unsere Bedürfnisse angepasst. Die hatten das Ganze nämlich schon mit Nachrichtenbeiträgen ausprobiert und herausgefunden, dass je häufiger ein bestimmtes Thema angesprochen wurde, es auch vermehrt in die Bewertung der Landespolitik einbezogen wurde.

Es gab bei uns also wie bei Iyengar und Kinder zwei homogene Gruppen (in jeder etwa 50 Probanden), die jeweils unterschiedliche Stimuli (also unterschiedliche Simpsons-Folgen) zu sehen bekamen. Die einen bekamen Folgen, indem das Thema Bildung eine Rolle spielte, die anderen wurden mit dem Thema Umwelt konfrontiert.

Die Stimuli wurden für beide Gruppen immer gleichzeitig für zwei Tage online freigeschaltet, dann folgte der Nächste. Mit dieser wiederholten Konfrontation stellten wir sicher, dass der Stimulus wirklich ins Hirn der Probanden verankert werden konnte. Also eigentlich hätte alles klappen müssen.

Doch leider gab es in der Umwelt-Gruppe einige technische Probleme, die dazu führten, dass wir „systematische Ausfälle“ hatten. Das bedeutet, dass die Leute, die hoch motiviert waren und über mehr Zeit verfügten, die Folgen trotz der technischen Probleme bis zum Ende sahen.

Die arbeitende Bevölkerung tat dies mehrheitlich nicht. Unsere beiden Vergleichsgruppen waren nicht mehr gleich verteilt, wir hatten in der Bildungsgruppe viel mehr Männer und viel mehr Berufstätige, das verzerrte nun unsere Ergebnisse.

Unser werter Professor hat mit einiger Rechnerei dennoch versucht ein Ergebnis abzuleiten und tatsächlich können wir einen (Teil-)Erfolg verbuchen! Fiktionale Inhalte scheinen wirklich einen Einfluss auf unsere politischen Bewertungen zu haben, obwohl in der Serie gar keine politischen Themen angesprochen wurden!

Zwar sind unsere Ergebnisse nach dem Rausrechnen der systematischen Ausfälle immer noch nur für die Bildungs-Gruppe interpretierbar, aber hier haben wir interferenzstatistisch nachweisen können, dass die Probanden tatsächlich das Bildungsthema eher zur Bewertung der Bundesregierung heranziehen, als die Umweltgruppe.

Bei der Umweltgruppe können wir im Grunde auch sehen, dass die Probanden eher das Thema Umwelt zur Bewertung der Bundesregierung heranziehen, aber leider können wir hier nicht ausschließen, dass es sich nur um einen Zufall handelt.

Trotz der Ausfälle können wir also immer noch von einem kleinen Erfolg unseres Experiments sprechen. Fiktionale Inhalte primen also, zwar schwächer als Nachrichten (hier werden Politische Themen ja auch unverhüllt gezeigt), aber trotzdem haben sie einen Einfluss auf unsere Meinungsbildung. Unser Gehirn unterscheidet also nicht, ob wir unsere Bewertungsmaßstäbe aus fiktionalen oder non-fiktionalen Inhalten ableiten, wichtig ist nur, wie präsent die Inhalte im Gehirn verfügbar sind.

Dank geht an alle Teilnehmer des Experiments, nicht böse sein, dass wir euch angelogen haben :D

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15 Kommentare

  1. Coco:

    Schweinerei!!! und ich habe schon nach der ersten Folge gewusst, dass es euch um Politik geht. Hätte ich das vorher gewusst hätte ich gar nicht mit gemacht :-)

  2. buzze:

    Ja so gut verstecken kann man das nun nicht, aber wir habens ja versucht :)

  3. pitchi:

    hm, ich glaube ihr hättet das ganze vlt auf andere politische themen auslegen sollen. bildungs- und umweltpolitik sind glaub ich oft die ersten sachen (mit oder ohne simpsons) die einem wichtig sind. weißte wie ich das meine?

  4. buzze:

    Das hatten wir schon bedacht, wir mussten im Grunde auch Themen nehmen, die nicht zu abstrakt sind, aber auch nicht ganz oben auf der Themenagenda der Medien stehen.

    Da steht Bildung und Umwelt zwar drin, aber nicht so weit oben. Wirstchafts- und Finanzthemen sind da jetzt wichtiger.

  5. Tobias K.:

    Ich hatte beim ausfüllen des Bogens bereits vergessen worum es in den gesehen Folgen ging, konnte somit nicht beeinflusst werden und wage von daher einmal eure Ergebnisse anzuzweifeln. Alles totaler Quatsch. :D

  6. buzze:

    Wir reden ja nicht von bewussten erinnern an die Folgen, wir reden von Mentalen Modellen deren Aktivierung durch das Priming vereinfacht wird, wenn du verstehst :D

  7. celle:

    @tobi: Wenn der Verstand nur machen würde was ihm sagen und/oder von dem wir selbst noch wissen … ich glaub dann säh die Welt ganz anders aus. Der Mensch ist und bleibt Sklave seiner/der Natur :)
    … Zumindest solange bis wir endlich einsehen, dass im “Organischen” kein Fortschritt liegt… BRINGT MIR MEINEN ROBOTERKÖRPER MIT DEN SECHS LASERKANONEN! … hust.

    Zum Experiment… Also das Ergebnis ist quasi: Wenn wir über”durchschnittlich” viele Sachen über X sehen, beurteilen wir Y stärker, dass erstmal nichts mit X zu tun hat, nach den Bereichen wo sich Y mit dem Thema X überschneidet? Hab ich das richtig verstanden?

    ps: et-jeht-so ist bestimmt auch ein krankes experiment vom wahnsinnigen dr. buzzele?!

  8. buzze:

    @celle: Exactamente celle, du hast es erfasst, das ist Priming.

    Et-jeht-so ist auf Normis Mist gewachsen, weiß nicht was er damit vorhat, ich will euch einfach nur bespaßen :D

  9. Henry:

    Das Experiment war sicherlich interessant, aber ich denke, das man das Ergebnis nicht verwerten kann, da die technischen Probleme sich sicherlich auf die Reproduzierbarkeit und die “Erfolge” des Versuches ausgewirkt haben dürften.

    Allerdings muss man auch von mir wissen, dass ich solche Statistiken und psychische Experimente generell für überzogen halte, da jeder Mensch individuell handelt und nicht unbedingt eine größere Masse repräsentieren kann.

    Aber na ja, Hauptsache man versucht wenigstens mal irgendwas. Das ist immer noch besser als bloß dumm herumzusitzen.

  10. celle:

    @Henry: “[...] da jeder Mensch individuell handelt und nicht unbedingt eine größere Masse repräsentieren kann.”

    Wann, Wo, und unter welchen Umständen soll das bitte gewesen sein? :D *konfliktsuch*
    Natürlich darf man persönlichen glauben was man möchte – aber ich persönlich glaube, dass Statistik zu Recht heute ein wichtiger Grundpfeiler von Themen wie Marktanalyse, Psychologie und Medienwissenschaft ist.

    @buzze: okay, jetzt müssen wir nurnoch die bevölkerung lange genug mit antiwieselbeinhalteten themen bombardieren und dann kann ich als erster antiwieselpräsidentschaftskandidat die weltherrschaft an mich reißen.

  11. buzze:

    @Henry: Wie schon erwähnt, die technischen Probleme machen eine Auswertung für die Umweltgruppe unmöglich, die Auswertung für die Bildungsgruppe ist mit einiger Rechnerei durchaus zulässig.

    Wir reden hier natürlich von äußerst schwachen Zusammenhängen, dennoch bestätigen sie im Grunde nur das, was andere schon längst rausgefunden haben. Wir reden hier ja von Priming, es geht nicht darum, dass wir durch unsere Stimuli die Bewertung einer Sache ändern, sondern nur, welche Themen wir zur Bewertung heranziehen.

    Ob man die Bildungspolitik gut findet oder nicht, ist tatsächlich eine individuelle Entscheidung.

    Wir haben nur dafür gesorgt, dass man Bildung oder Umwelt vermehrt zur Bewertung von Politik heranzieht und so leid es mir tut, das funktioniert bei allen Menschen gleichermaßen, mal mehr mal weniger stark ;)

    Ich will den Menschen nicht den freien Willen absprechen wie unser guter alter Freund celle, aber bestimmte psychologische Prozesse können nun mal beeinflusst werden, allein durch die Tatsache das unser Hirn extrem ökonomisch und energiesparend Arbeit. Die mentalen Modelle, die zuletzt und wiederholt aktiviert wurden, sind über eine gewisse Zeitspanne sehr viel leichter aktivierbar als andere.

    So bringt unser Experiment keine besonderen neuen Erkenntnisse, war aber sehr gut, um empirische Methoden einzuüben. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass ich bald meine Masterarbeit schreiben werde.

    @celle: was ist denn ein antiwieselpräsident?! :D

  12. celle:

    Antiwieselpräsident: Ein Präsident, der die gesamte Wieselheit als Nemesis der Menschheit propagiert.

    Btw. faktisch sprech ich der Menschheit natürlich schon den freien Willen ab, und habe die Meinung auch bei diversen ähnlichen Diskussionen immer so verteidigt – real seh ich natürlich durchaus ein, dass es da irgendwo unter tiefen Schichten von Beeinflussung, Verdrängung und Indoktrination irgendwo tatsächlich einen freien Willen gäben konnte. Aber in den vielen Fällen im Einzelnen, und nahezu grundsätzlich sobald es um Ansammlungen von Menschen geht, geht der ziehmlich schnell flöten. Ich denke übrigens nicht, dass es alle diese massenpsychologischen Effekte nur schädlich sind. Kann natürlich auch vorteilhaft sein, wenn Menschen sich aneinander angleichen – und das auch ohne das man eine Machiavellsche Weltansicht annehmen muss.

  13. Tobias K.:

    Ein Wort noch zur ach so tollen “Statistik”…

    Statistisch gesehen hat jeder Mensch mehr Beine als der Rest der Bevölkerung.

    Das ist zwar richtig, macht aber trotzdem nur bedingt Sinn. :D

  14. celle:

    Ich versteh’s grad ehrlich gesagt nicht. Hab aber auch seit 20+ Stunden nimmer gepennt…

  15. buzze:

    @Tobias K.: Wusste gar nicht dass du auch trollen kannst :P

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