Kultur

Um Langdon geschlagen

… es ist früh am Morgen als ich die letzte Seite des Buches umblättere und sich mir das finale Geheimnis offenbart. Ich bin geschockt. Dann stimmt es also wirklich… Sie haben sich nicht geirrt…. oh, mein Gott ES IST WAHR!

Dan Brown ist ein besserwisserischer Pansenkopp, dem nichts Neues einfällt.

Ich hatte um Klappentexte, Auszüge und Kritiken zu “Das verlorene Symbol” einen großen Bogen gemacht. Allen Spoilern und Hinweisen wollte ich aus dem Weg gehen und mir die Spannung bewahren. Hätte ich mir sparen können, denn wie sich herausstellte, habe ich das Buch bereits zweimal gelesen. Damals jedoch mit dem Titel “Illuminati”, bzw. “Sakrileg”. Denn im Vergleich zu besagten Bestsellern ändert sich in Browns neustem Roman so gut wie nichts:

Symbologe Robert Langdon hetzt unter Zeitdruck durch eine Großstadt von einem Kunstwerk zum andern. Dabei wird er von einer cleveren Schönheit begleitet und der Polizei verfolgt. Und so ganz nebenbei lösen die beiden Rätsel und enthüllen Geheimnisse, die zuvor Jahrhunderte – ach was sag ich – JAHRTAUSENDE überdauert haben. Nicht zu vergessen, der durchgeknallte Bösewicht, weise Mentoren und Personen, die nicht sind, was sie scheinen.

Im Detail klaut Brown hemmungslos bei sich selbst. Und damit nicht genug. Er bedient sich auch noch in Sachen Verhörmethoden bei Tom Clancy (“Der Kardinal im Kreml”) und schnitzt sich einen tätowierten Fanatiker zurecht, der stark an Francis Dolarhyde aus Thomas Harris’ “Roter Drache” erinnert. Das alles wäre noch zu verkraften, wenn es dafür überraschende Wendungen gäbe. Tolle Mitmachrätsel, bei denen man anfängt das Buch auf den Kopf zu stellen (Brandzeichen bei Illuminati) oder den Kunstatlas durchblättert (Abendmahl in Sakrileg). Nada. Entweder die Rätsel und Wendungen sind so offensichtlich und banal, dass man sie lange vor Langdon kommen sieht – oder sie erschließen sich erst nach seitenlanger Klugscheißerei von Langdon, der wohl alles aus dem Kopf zitieren kann.

Letztlich ist das Buch enttäuschend. Bis zum Ende hofft man auf eine knackige Wendung, die Lösung eines genialen Rätseln, das Lüften eines cleveren Geheimnisses. Aber nix davon bekommt der Leser präsentiert. Stattdessen plätschert die Handlung auf den letzten 100 Seiten gähnend langweilig aus. Brown verzichtet hier auf seine reißerischen Cliffhanger, die sonst jedes Kapitel beenden und einen hoffen lassen, dass noch etwas Grandioses passiert. Aber nix da. “Das verlorene Symbol” verspricht viel, aber hält kaum etwas davon ein. Mein Fazit: Spart Euch die 26€ lieber für ein großes Eis im Sommer.

Das schrecklichste Versprechen wird sich jedoch bewahrheiten. Dan Brown behauptet in den vergangenen fünf Jahren soviel Material recherchiert zu haben, dass es für einen vierten Langdon-Roman reicht. Na Dan…

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4 Kommentare

  1. celle:

    Das ist genau der Grund warum ich schon aus Prinzip die Finger von Popcorn-Literatur lasse. Da wird man grundsätzlich enttäuscht.
    Ist halt für den breiteren Pöbel gedacht, der eigentlich sowieso nicht mehr liest – da muss man das Buchniveau dem Fernsehen annähern – nicht für so ein kultiviertes und belesenes Publikum wie man es hier unter Lesern wie Schreibern antrifft :>

    Übrigens schön geschrieben der Artikel.
    Auch des Themas wegen eine angenehm-kurzzeitige Abkehr vom immer wiederkehrenden web2.0 und den polemischen Kommentarfängern über Fussball.

  2. Tobias K.:

    Dan Brown ist einer der Gründe warum ich keine “Thriller” mehr in die Hand nehme. Das langweilt nur noch… schon bei Sakrileg musste ich mich zwingen das Buch bis zum Ende zu lesen.

    @celle: Hört, hört! Der intellektuelle Mob spricht. :D

  3. buzze:

    Wer Dan Brown liest, weiß was einen erwartet, das ist schon immer so – so wirklich enttäuscht kannst du also gar nicht sein Stephan oder? :)

    Bisher haben die Brown’schen Bücher aber immerhin noch funktioniert als Spannungslektüre. Ärgerlich, wenn das nicht mehr so funktionieren sollte, denn das war die einzige Stärke von Brown.

    Da wurde man auch nicht enttäuscht, wie Celle das so schön sagt – war wirklich erfrischend und gut zu lesen. Popcorn-Literatur hin oder her, auf so ein hohes Ross will ich mich gar nicht setzen und behaupten, dass ich nur die großen Literaten lese. Ich lese ja immer noch zur Unterhaltung und nicht, um einzuschlafen :D

    Aber: Eine schöne Kritik, respektive Veriss :) Fällt mir ein, dass ich eigentlich auch noch eine Buchkritik schreiben wollte, weiß nur nicht mehr über welches Buch…

  4. Moritz:

    Ich habe zuerst Sakrileg gelesen und fand das Buch genial. Dann hat mein Bruder mir gesagt, dass Illuminati vom Inhalt her genau so ist, nur besser und nach dem ich auch das gelesen hatte, musste ich ihm zustimmen. Ich fand Sakrileg dann auch um einiges schwächer und einen noch schwächeren dritten Band, oder sogar einen vierten werde ich sicher nicht lesen ;-)

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