Leben

Massengrab

Michael Jackson wird zur Stunde ja bekanntermaßen zu Grabe getragen, oder wurde bereits, dass kann ich Moment nicht sagen, je nachdem wie lang der Beitrag wird und wie lang diese Show andauern wird.

Jedenfalls kann ich gar nicht beschreiben wie sehr mich die ganze Berichterstattung schon wieder ankotzt. Was weniger an der Person Jackson liegt, als am Drumherum. Um eines klar zu stellen, ich möchte an dieser Stelle nicht über Micheal Jackson herziehen, sein Werk in Frage stellen oder irgendetwas in dieser Richtung tun. Es liegt nur gerade nahe ihn als Beispiel zu wählen. Denn eines kann ich nicht verstehen - Was treibt Menschen dazu, dort zu Millionen hin zu pilgern. Unweigerlich muss ich mich fragen: Läuft da was bei denen oder bei mir grundsätzlich falsch?

Wenn es etwas Religiöses wäre könnte ich mich damit vielleicht arrangieren. Wobei der Pop in der westlichen, sakralen Kultur im Prinzip ja auch nur als Religionersatz herhalten muss. Die Beatles waren schließlich auch bekannter als Jesus, aber das ist eine andere Geschichte.

Nehmen wir also mal an dieser ganze Personenkult ist nichts religiöses, sondern einfach nur pures Fansein, was unterscheidet mich dann als Fan von denen die sich nun in Los Angeles, und an anderen Orten weltweit, versammeln um zu trauern und Abschied zu nehmen? Gut, ich bin kein Micheal Jackson Fan. Das wird wohl der Hauptgrund sein. Was jedoch wenn wir uns einen anderen Künstler zur Hand nehmen, der mir viel bedeutet. Paul Weller meinetwegen. Den mag ich, den bewundere ich, den schätze ich sehr. Jedoch ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, nach seinem Tod, der hoffentlich noch viele, viele Jahre weit weg ist, nach London zu fahren und dort Happenings zu seinen Ehren zu veranstalten. Mal davon abgesehen, dass bei Wellers Tod nicht annähernd so viele Menschen auch nur Kenntnis davon nehmen würden. Hauptsächlich weil der Großteil der Weltbevölkerung – und da darf sich der geneigte Leser an dieser Stelle eventuell gerne selber an die Nase fassen – Ignoranten sind.

Wie kommt es also, dass eine Person aus dem ö–ffentlichen Leben solch eine Bedeutung für die Menschen hat? Immerwieder höre ich in den Medien, wie sehr doch Jacksons Lieder das eigene Leben der Trauerden beeinflusst hätten, wie sie doch für unvergessene Momente in ihrer Vergangenheit stünden würden. Nur, auch ich habe solche Lieder. Trotzdem stell ich mich nicht in diese Menschenmaßen und heule mir die Seele aus dem Leib. Sicher trauert jeder anders, aber was hier zur Zeit geschieht hat nichts mit Trauer zu tun. Wenn ich höre, dass das Wort “Public Viewing” in diesem Zusammenhang gebraucht wird, wird mir schlecht. Das ist keine Anteilnahme oder was auch immer. Das ist Hysterie, nichts weiter.

Nichts dagegen hätte ich wenn jemand sich in seinem Kämmerlein hinsetzt einen Moment innehält und von mir aus auch eine Kerze anzündet. Aber diese Trauerkultur verstehe ich nicht. Im Gegensatz zu dieser Medieninszenierung, die verstehe ich. Das Volk bekommt was es will. Aber der Rest? Unbegreiflich.

Für das schlechte und moralisch äußert fragwürdige Wortspiel im Titel entschuldige ich mich, lasse es aber trotzdem stehen, weil ich es mehr als angebracht finde.

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3 Kommentare

  1. celle:

    Wie, du könntest dich damit arrangieren, wenn es etwas religiöses wäre?
    Das ist … dafür gibt’s glaub ich kein Wort: Hast längst erkannt dass dieses Massenverhalten total sinnfrei ist und würdest das selbe in grün(!) aber trotzdem entschuldigen wenn ein anderer Aufkleber auf der Sache stehen würde. Heuchelei!
    Sapere Aude! Sapere Aude! :D
    (hach, möglicherweise-existierende-aber-bis-jetzt-unbewiesene-Entität-mit-faschistoiden-Anbeterkult, bin ich wieder intellektuell und selbstüberzeugt, mal schauen wie lange es bis zum ersten “bist doch genauso!”-post dauert… ;) )

    Jetzt aber mal zum wirklichen Thema… gut, gut auch die These mit dem westlichen Religionsersatz ist nichts neues (aber es tut immer wieder gut es zu lesen. Eigentlich macht’s ja spaß, aber es gibt glaub ich trotzdem kein anderes kulturkreisschen auf der Welt das es so liebt wie wir uns selbst fertig zu machen. Meinungsfreiheit ist etwas wunderbares :D ) … ich glaube irgendwie kann ichs bis zum rumgeheule noch verstehen: Man zollt halt irgendwie seinen Respekt vor den Leistungen des M. Jackson. Aber dieses ausgeraste? Da geb ich dir Recht. Die Leute kannten ihn ja nicht persönlich (auch wenn sie’s vermutlich gern glauben würden).

  2. Tobias K.:

    @celle: Na mehrere tausend Jahre gewachsener Fanatismus ist immer noch ein anderes Kaliber als das was gerade geschieht. Das lässt sich eher begründen…

  3. Moritz:

    Ich verstehe das auch auf keinem Auge^^. Wenn man mal davon absieht, dass ich MJ als Menschen sehr unsympathisch gefunden habe und mir seine Musik auch nie gefallen hat, dann verstehe ich trotzdem noch nicht, wieso die Leute so hysterisch reagieren. Schon alleine deshalb, weil sie Michael Jackson alle gar nicht persönlich gekannt haben – wie kann ich WIRKLICH um jemanden trauern, wenn ich ihn nur aus dem Fernsehen kenne? Dass ich kurz schockiert bin, okay. Dass ich mir darüber Gedanken mache, auch okay. Aber Trauer?

    Ich selbst habe mir das bis heute so beantwortet: das ist keine Trauer sondern der Drang, bei etwas mitzuwirken. Diese Menschen gehören einer Bewegung an und die scheinen sie irgendwie zu brauchen – wieso weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich nichts vergleichbares für mich selbst will und glaube, dass es mir ohne besser geht.

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