Leben

Paintball-Verbot: Dumm oder böse?

paint dots
Creative Commons License by erikadotnet

Wie nach jedem Amoklauf, sah sich unsere Bundesregierung auch nach dem Massaker in Winnenden gezwungen irgendwie auf diesen Vorfall zu reagieren, um Ähnliches in Zukunft zu verhindern – ob die Reaktionen dabei sinnvoll sind, scheint keine so große Rolle zu spielen.

Nach dem erfolglosen Versuch die so genannten „Killerspiele“ zu verbieten, versucht es unsere geliebte Bundesregierung nun mit Spielen wie Paintball (Gotcha) und Laserdome, da dabei das Töten simuliert werde.

Psychologen kritisieren vor allem den Gewöhnungseffekt bei Viel-Spielern. Man trainiert das Zielen und Schießen auf Menschen – eigentlich ein Tabu. Dadurch werde der Ablauf automatisiert. “Dann werden Denk- und Handlungsprozesse ausgeschaltet”, erklärt Ackerschott. Das Resultat: Die Hemmschwelle sinke. Das sei gefährlich für labile Menschen, zumal wenn sie Motiv und Gelegenheit zu einem Amoklauf hätten. Natürlich sei es “qualitativ ein großer Sprung” vom Paintball zum echten Schuss auf einen Menschen, erklärt Psychologe Stephan: “Aber es gibt eine Nähe. Alles, was in die Richtung Gewalt geht – auch Schlagen –, löst eine Enthemmung aus.”

(RP-Online)

Ja nee, ist klar. In Schützenvereinen lernen Kinder schon mit 12 Jahren (Mindestalter beim Paintball ist 18) den Umgang mit Schusswaffen. Da werden keine Handlungsabläufe automatisiert oder was? Oder wie sieht’s denn mit dem IPSC-Schießen aus? Da geht es nämlich genau darum:

Wer meint, es ginge hier um ein sinnloses Geballere, der irrt gewaltig, denn primär geht es um Genauigkeit im Ablauf, ohne die ein hoher Trefferquotient, die Voraussetzung für gute Plazierungen, nicht erreichbar ist. Wo in anderen Disziplinen mehr Zeit vorhanden ist, um die erforderliche Anzahl Treffer zu plazieren, haben wir die Notwendigkeit, möglichst schnell und gut zu treffen. Somit besteht unter diesem Aspekt KEIN Unterschied zu olympischen Disziplinen, bei denen die Zeitkomponente auch eine wichtigen Rolle spielt.

www.ipsc4ever.de

Und dann dieses Scheinargument mit der Enthemmung. Dann werden wohl demnächst auch alle Kampfsportarten verboten. Alle Ventile des Menschen schließen! Keine Macht der Enthemmung! Sollen sich die Menschen doch im Alltag an die Gurgel gehen. Aber in Spiel und Sport hat „alles, was in Richtung Gewalt geht“ nichts zu suchen.

Dass Paintball nichts Menschenverachtendes oder Sittenwidriges in sich birgt, hat selbst schon ein Verwaltungsgericht in Dresden im Jahr 2007 festgestellt:

Der bloße Verdacht, dass das angebotene Verhalten später einer entwürdigenden Behandlung von Menschen Vorschub leiste, könne noch nicht die von den Behörden angenommene Verletzung der Menschenwürde darstellen. Ein entsprechender Wirkungszusammenhang zwischen dem Spiel und der Ausübung von Gewalt sei nicht belegt. Das Spiel selbst verletze weder Wertmaßstäbe des Grundgesetzes noch den gesellschaftlichen Wertekonsens. Somit wäre ein Verbot grundgesetzwidrig…

www.was-ist-paintball.de

Aber OK. Wenn die Bundesregierung keine andere Möglichkeit sieht als die Verbotskeule zu schwingen – was sehr ärmlich ist -,  statt sich sinnvoll mit den grundsätzlichen Ursachen zu beschäftigen, warum macht sie es dann nicht wenigstens konsequent? Warum verbietet man nicht auch das meiner Meinung nach noch viel sittenwidrigere IPSC-Schießen oder warum macht man nicht gleich alle Schützenvereine dicht? Und wenn sie schon dabei sind, können sie auch gleich die Bundeswehr abschaffen. Oder noch besser: Krieg verbieten.

Die Antwort ist natürlich einfach: Weil sie es nicht wollen und letzteres vermutlich auch nicht können. Trotzdem wundere ich mich wie die nachts ruhig schlafen können. Glauben die wirklich, so was Verlogenes kauft man denen ab? Die wissen doch selber, dass das nicht nachvollziehbar ist. Mit Waffen, die nicht scharf sind, darf man nicht mehr schießen, aber sehr wohl mit scharfen Waffen. Diese verquere Logik soll mir mal einer erklären.

Also falls sich tatsächlich Leute beim Paintball auf einem Amoklauf vorbereiten, dann melden die sich halt in Zukunft bei ihrem örtlichen Schützenverein an. Dann können sie sich wenigstens auch gleich scharfe Waffen besorgen.

Es wird immer behauptet, die Regierung sei nach einem Amoklauf in Zugzwang. Aber warum? Amokläufe lassen sich ebenso wenig verhindern wie Naturkatastrophen. Man kann höchstens versuchen, die Ursachen ausfindig zu machen, um das Problem an der Wurzel zu packen. Doch das ist unserer Regierung anscheinend zu anstrengend. Stattdessen versucht sie sich mit reiner Symbolpolitik zu profilieren, indem man ein Verbot von Killerspielen und Paintball fordert. Das geht schnell und einfach und bringt anscheinend gute PR, was im Superwahljahr ja nicht schaden kann.

Was ich mich in letzter Zeit auch häufig gefragt habe und Zukunft wohl noch häufiger fragen werde: Sind die einfach nur doof oder glauben die wirklich, dass sie das Richtige tun? Oder noch schlimmer: Wissen die, dass die das Falsche tun? Ist das alles nur reine Bösartigkeit? Oder haben unsere Politiker schon resigniert und glauben, dass sie ehe nichts Wirkungsvolles tun können und versuchen sich daher mit Scheinlösungen zu profilieren? Ich weiß nicht, was in den Köpfen unserer Regierungspolitiker vorgeht.

Natürlich ist es schwierig gegen die mächtige Waffenlobby anzukämpfen, die ein großes Wählerpotential aufweist. Die Unionspolitiker wollen das wahrscheinlich auch gar nicht, da sie selbst fast alle Mitglied im Schützenverein sind. Aber zumindest von der SPD hätte ich mir etwas mehr Widerstand gewünscht. Doch auch die scheint ihre Ideale schon längst aufgegeben zu haben. Besonders im Wahlkampf.

Ähnlich wie bei den Internetsperrgesetz im Kampf gegen Kinderpornographie werden sich die Initiatoren des wirkungslosen Gesetzes also selbst auf die Schulter klopfen, entspannt zurücklehnen und beim nächsten Amoklauf wieder scheinheilig fragen: Warum? Dann werden wieder Verbote gefordert werden. Immer und immer wieder. Bis unsere Freiheit ganz und gar zu Gunsten unserer „Sicherheit“ geopfert wurde.

Nur die wahren Ursachen wird man wohl nicht beheben. Naja, ich werde jetzt erstmal gepflegt grillen gehen…

Hier noch ein paar andere Beiträge zum Paintball-Verbot:

Kopfzeiler.org: Simulation der Freiheit
Spiegelfechter: Gotcha! Paintball im Visier
Sueddeutsche.de: Privilegierte Schützen
Spreeblick: Heute im Angebot: Das Paintball-Verbot

Und weil das momentan ja so gut klappt, kann man demnächst auch eine Online-Petition gegen das Paintball-Verbot mitzeichnen. Ich werde es tun. Nich weil ich unbedingt Paintball spielen will, sondern weil mich der Regulierungswahn der Regierung ankotzt.

Du kannst diesen Artikel kommentieren oder einen Trackback von deiner Seite aus setzen.

9 Kommentare

  1. buzze:

    Gut gebrüllt Norman, schöner Text. Kann ich auch nur zustimmen, was ich sehr seltsam finde ist, dass sich die Typen echt hinstellen und was von Sittenwidrigkeit labern, obwohl Gerichte schon längst entschieden haben, dass dem nicht so ist – im Gegenteil ein Verbot klar gegen das Grundgesetz verstoßen würde.

    Ein Verbot seitens der Regierung wäre also definitiv Anfechtbar. Manchmal glaube ich manche Gesetze werden nur erlassen, damit sie später die Gerichte beschäftigen. Rechts-Konjunkturpaket könntet man das nennen, da haben schließlich alle gut zu tun: Rechtsanwälte, Staatsanwälte, Richter.

    Ich weiß nicht, ob die plötzlich alle Berater rausgeschmissen haben oder ob die einfach keine Ahnung haben von der Welt außerhalb der Ministerien. Mit ihren seltsamen Aktionismus bewirken sie nur, dass selbst der letzte Hinterhofhumpen kapiert, dass die von absolut nichts eine Ahnung zu haben scheinen.

  2. celle:

    Ist schon hier ein schöner Text, kein Grund für Links zu “besseren Beiträgen”. Trotzdem Daumen Hoch für die Bescheidenheit, so kennt man’s ja von dir ;)

    Die Realität ist mal wieder lächerlicher als es jede Parodie sein könnte. Karikatur ihrer selbst.
    Überall im Land und in der Welt Schützenverein-Tradition(en) (übrigens glaube ich ja, dass nichtmal die wirklich direkt Gewalt fokussieren) und dann fängt tatsächlich unsere Meute von Vollspacken wieder an den Vogel abzuschiessen: Gewaltpotential bei Paintball.
    Zuum Haare raufen.

    Schön auch im Text die Frage, was die Leute eigentlich leitet. Das könnte man sich den ganzen lieben Tag lang fragen – mit genug Alkohol vermutlich. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob man den zum fleissigeren Nachdenken oder für die anschließende Wahrheit braucht.

  3. noRm:

    Danke. :)

    @celle: Hab aus den “besseren Beiträgen” “andere Beiträge” gemacht. :)

  4. buzze:

    Ich bin zur Überzeugung gelangt, das viele Politiker tatsächlich überzeugt sind von ihren Positionen. Die Leute wissen es einfach nicht besser. Dummerweise sind solche Hohlpfosten immer die in einer Partei, die am besten um Posten schachern können :)

  5. celle:

    Überezeugt sein > Recht haben. Imho die größte niederlage unserer zeit. Aber ich glaube das wurde schonmal diskutiert, eventuell sogar hier? Wenn nicht, dann bestimmt in einem alten Beitrag auf norms blog.

    @buzze: Kann man ernsthaft behaupten “man wisse es nicht besser”? Wir leben im informationszeitalter, ich weiß ja nicht. Ich verstehe aber die argumentation: letztendlich lebt jeder in seiner eigenen kleinen welt aus vorurteilen, überzeugungen und irrglauben. und je mehr überzeugungen wir haben, desto kleiner wird diese persönliche kleine welt, daher ist die welt in der die meisten politiker leben sicherlich besonders eng. Mhm, trotzdem. Gefällt mir nicht, aber wer sagte, dass es einem gefallen muss? :D
    Meinst du mit den leuten die es nicht besser wissen die anhänger oder die meinungsmacher selbst?

  6. Felix:

    Die Leute, die so ne Gesetzte verabschieden, sind so weit weg von Gut und Böse. Schöner Artikel!

  7. Chrstian:

    Herrje, ich bekomme jetzt schon Schweißperlen auf der Stirn, wenn ich darüber nachdenke, dass ich bis zum Jahresende ein paar Kreuzchen zu tun gedenke.
    Ich bin ja leidensfähig in dieser Hinsicht. Wer regiert, kann es entgegen der Opposition nicht jedem potentiellen Wähler recht machen. Aber wer auf ein grundrechtlich gefährliches Internetzensurgesetz als Sahnehäubchen ein populistisches, groteskes Paintballverbotsgesetz draufsetzt und noch dazu dermaßen immun gegen vernünftige Argumente besorgter Staatsbürger ist, sollte nicht über die Gesetzgebung mitentscheiden dürfen. Ich hoffe zumindest in der SPD merken ein paar, dass sie sich auf dem Holzweg befinden und handeln danach.

  8. Pitchi:

    warum wird biathlon eigentlich nicht verboten? Das sind doch quasi Scharfschützen auf Skiern.

  9. Felix:

    @Pitchi Da kannst du genauso fragen, wann denn endlich Wasserbomben und Wasserpistolen verboten werden. ;-)

kommentieren