Leben

Pladoyer für die Fachleser

Manche Orte sind so trivial, dass nicht einmal RTL2 eine Dokumentation darüber drehen würde. Orte, wie die obligatorische Zeitschriften- und Buchhandlung an Bahnhöfen. Dabei ist doch gerade die Bahnhofsbuchhandlung wahnsinnig interessant, wenn man sie nur mal genau betrachtet.

Nur hier treffen sich so grundverschiedene Menschen, die sich nur in der Suche nach Lektüre gleichen. Darin also Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher für eine mehr oder weniger lange Bahnfahrt zu erstehen. Dafür streunen sie mit Rucksäcken oder Rollkoffern oder sogar beiden durch die Regalreihen, auf der Suche nach passendem Lesestoff.

So verschieden die Menschen, so verschieden die Auswahl. Kunstmagazine, dessen Namen ich nicht mal aussprechen kann liegen neben Bravo, Bunte und Spiegel. Prinzessin Lillifee-Heftchen stapeln sich Kind gerecht ganz unten in kleinen Wühlkisten.

Zwischen den Reisenden und Pendlern gesellt sich allerdings noch eine weitere Art von Kunden, die vor allem hier im geschützten Biotop der Bahnhofsbuchhandlung gedeihen. Meist stehen sie verstohlen in irgendwelchen Ecken und blättern, sich immer wieder umsehend, in Heftchen herum.

Keine Schmuddelheftchen, das sei angemerkt. Vielmehr in Zeitschriften, die so seltsam scheinen, wie die Menschen, die sie lesen. Aber was heißt hier seltsam, es sind einfach Themen, dessen Zielgruppen so klein sind, dass man kaum glauben kann, dass es dazu eine Zeitschrift gibt.

Und tatsächlich scheint den Menschen, die sich solche Zeitungen am Regal durchblättern, dieser Umstand fast schon peinlich zu sein. Warum sonst diese aufgeschreckten Blicke, wenn man an jemanden vorbei schlendert, der gerade eine Fachzeitschrift zum Eisenbahnverkehr durchliest?

Mit dicken Brillengläsern, schütteren Haaren und bunten Jacken scheinen sie direkt aus den tiefsten 80er Jahren zu stammen, seit 20 Jahren verharrend in einer Zeit, die noch kein World Wide Web kannte. Jeden Monat aufs Neue in die Bahnhofsbuchhandlung pilgernd, verstecken sie sich hinter ihren Modellbau- und Bus-Fachzeitschriften, als wären es Pornozeitschriften.

Dabei ist es eigentlich gar nicht schlimm sich für Fachthemen zu interessieren. Trotzdem scheinen sie die Aussätzigen der Zeitschriftenleser zu sein, der Bodensatz, das Presse-Prekariat und das nur, weil man sich für Zeitschriften wie Asphalt, Steinbruch und Sandgrube, die Omnibus Revue oder die Deutsche Gerichtsvollzieher Zeitung interessiert.

In was für einer Welt leben wir, wenn sich solche, nach Fachinformationen lechzenden Leser schief angesehen werden?! Gut, sie sehen aus, als wären sie aus den 80ern. Das ist tatsächlich etwas seltsam, aber noch lange kein Grund sie geringer zu schätzen als Spiegel-Käufer! Ich lese schließlich auch Fachzeitschriften wie Medium oder M&K – und ich stehe dazu! Lacht ihr nur über meine Vorlieben!

perverser.png

Alles was ich mir wünsche, sind ein paar aufmunternde Worte, wenn ihr das nächste Mal in einer Bahnhofsbuchhandlung steht und einen glatzköpfigen Mann in der Modellbauzeitschrift seht. “Ah, sie interessieren sich für Modellbau?! Sehr interessantes Hobby. Schönen Tag noch.” oder “Lagerlogistik? Wichtiges Thema, gibts da neue Entwicklungen?!” So helfen wir nicht nur den Menschen, die die Zeitung lesen, sondern auch den gewaltigen deutschen Zeitschriftenmarkt ins neue Jahrtausend zu retten.

Ich zähl auf euch!

1 Seiten