Es wird mal wieder Zeit für eine Filmkritik, lange hatte ich gehadert meinen Senf zum neuen Tarantino-Film Inglorious Basterds im Blog zu verewigen, aber der Film ist in meinen Augen einfach nur so schlecht, dass ich mich selbst zu einen Veriss nicht aufraffen konnte. Ihr könnt ja die Kritik hier lesen, die trifft es sehr gut.
Wenden wir uns also einen Film zu, der es verdient, dass man ihn mal thematisiert: District 9 – einen Film, der es fast geschafft hätte auf Platz eins meiner Science-Fiction-Liste zu gelangen, letztlich aber an seiner Unausgegorenheit scheitert.
Es fängt alles sehr vielversprechend an, Regisseur Neill Blomkamp entwirft ein faszinierendes Szenario. Vor 20 Jahren schwebt plötzlich ein Alienraumschiff aus dem All herab und verharrt still über Johannisburg. Im Raumschiff befinden sich über eine Millionen fast verhungerte Aliens, die dank ihres widerlichen Aussehens gleich mal den Namen Shrimps weghaben.
Um eine humanitäre (oder wie nennt man das bei Außerirdischen?) Katastrophe zu verhindern wird direkt unter dem Raumschiff ein Camp errichtet, genannt District 9, in das die Aliens umziehen und seitdem hausen dürfen. Das Raumschiff verharrt dabei regungslos über District 9 und keiner weiß, warum die Aliens eigentlich da sind und warum sie nicht wieder verschwinden.
Erzählt wird diese ganze Vorgeschichte in fantastischen, auf Authentizität getrimmten Schnipseln von TV-Reportagen, Nachrichten und Interviews.
Als die Geschichte dann die Gegenwart erreicht, bleibt dieser Dokumentarstil erst mal erhalten. Wir folgen in verwackelten Bildern den etwas vertrottelten Wikus Van De Merwe, einem Mitarbeiter der Multi National Unit (MNU), einer internationalen Organisation, die zur Aufgabe hat, das Alien-Lager zu kontrollieren und zu verwalten.
Wir begleiten Van de Merwe durch die Augen eines MNU-Filmteams und diverser Überwachungskameras in die Slums von District 9, denn die Aliens sollen umgesiedelt werden. Zu groß sind die gesellschaftlichen Spannungen in Johannisburg. Ein 200 km entferntes „schöneres“ (Concentration) Camp soll hier Abhilfe schaffen. Van De Merwe und sein Team hat dabei die Aufgabe „Unterschriften“ von den Aliens zu sammeln, um diese „Evakuierung“ zu legitimieren.
Hört sich irgendwie alles ein bisschen nach Nazideutschland an, was auch voll beabsichtigt ist. In dieser ersten Hälfte des Films entwirft Blomkamp ein wirklich kongeniales Bild einer von Rassenunruhen erschütterten Gesellschaft, in einer Stadt, in der Rassenspannungen sowieso schon an der Tagesordnung stehen. Diesmal allerdings geht es nicht um Schwarz gegen Weiß, sondern Mensch gegen Alien.
District 9 ist ein dreckiger, gefährlicher Slum, in der Verbrecher-Syndicate das Sagen haben und ungehindert mit Drogen (in Form von Katzenfutter), Waffen und Frauen gehandelt werden – hier ist der Film eine brillante Parabel auf die Apartheid und wohl einer der atmosphärischten Science-Fiction-Filme aller Zeiten.
Doch dann kommt die Story (leider) in Fahrt: Van De Merwe wird auf seiner Unterschriften-Tour mit einer mysteriösen Alien-Flüssigkeit kontaminiert, woraufhin er sich Stück für Stück zu verwandeln scheint und auch der Film wandelt sich von da an Stück für Stück von einem innovativen Science Fiction-Film zu einem Hollywood-Action-Kracher mit Splatterszenen, die Braindead zur Ehre gereichen würden.
Dieser Bruch vollzieht sich nicht nur in der Story, sondern auch stilistisch. Wird der Film am Anfang noch aus einer Collage aus verschiedenen TV-Schnipseln erzählt, wandelt sich der Stil plötzlich zu einem „normalen“ Film, der nur noch ab und zu mit Bildern aus TV-Nachrichten und Überwachungskameras garniert wird.
Das tut dem Film verständlicherweise nicht gut, die sorgfältig aufgebaute Szenerie verkommt plötzlich zum Hintergrund für zwar gut inszenierte, aber teilweise überflüssig brutale Actionszenen. Alle zwei Minuten verliert irgendwer einen Arm, ein Alien wird hingerichtet oder ein Soldat zerplatzt in einer Blutfontäne.
An sich stört mich so was eigentlich nicht, schließlich gucke ich mir auch gerne mal den ein oder anderen Splatter-Klassiker an, aber nach dem –ich muss es immer wieder sagen- brillanten Beginn des Films wirkt dieser Bombastsplatter am Ende einfach nur plump und unbefriedigend.
Hätte Blomkamp das Niveau und vor allem die dokumentarische Erzählweise des ersten Filmteils konsequent durchgehalten, hätte District 9 Blade Runner auf meiner Genre-Rangliste vom Thron stoßen können.
So bleibt man beim Abspann seltsam unbefriedigt im Kinosessel zurück, dem Action-Fan wird am Anfang zu viel gelabert werden, den anspruchsvolleren Genre-Fan wird die hirnlose Splatterorgie am Ende übel aufstoßen.
Dennoch ist District 9 ein guter Film geworden, ich würde sogar sagen ein Genre-Klassiker. Zum absoluten Meisterwerk fehlt ihm dann aber die konsequente Linie.
Fazit kurz und knapp: erste Hälfte = Meisterwerk, zweite Hälfte = Feuerwerk.
District 9 (2009), im Kino