Kultur, Netz, Politik

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Kultur, Politik

Köhler-Debatte: Äpfel mit Äpfeln vergleichen

Wer Journalist werden möchte – besonders bei den nationalen Qualitätsmedien – der hat es ganz und gar nicht leicht. Der muss sich nämlich bei journalistischen Elite-Schulen bewerben und dort wird grundsätzlich ein sehr breites Allgemeinwissen und vor allem Wissen zum aktuellen Geschehen im In- und Ausland abgefragt. Egal ob bei der DJS oder bei der Henri-Nannen-Schule, hier kommen nur die “besten” Bewerber zum Zuge.

Da erstaunt es umso mehr, wenn in der journalistischen Königsdisziplin Politikberichterstattung Äußerungen eines bekannten Parteivorsitzenden scheinbar völlig in Vergessenheit geraten. Unser aller Außenminister hatte damals vor einem Jahr in einer Rede vor der Gesellschaft für Auswärtige Politik u.a. Folgendes von sich gegeben (auch als Video):

Wenn Länder wie das Afghanistan der 90er Jahre zur Heimstätte international agierender Terroristen werden, dann ergeben sich hieraus Risiken für unsere Sicherheit. Afghanistan ist nicht zuerst ein altruistischer Einsatz. Die Bundeswehr in Afghanistan schützt auch nationale Interessen und Werte.

Wenn Handelswege nicht mehr sicher sind, dann hat das spürbare Auswirkungen auf unsere Exportwirtschaft. [...]

Umso erstaunlicher ist das kollektive Vergessen allerdings, wenn man jetzt einfach mal Revue passieren lässt, wegen welcher Äußerungen Horst Köhler eigentlich zurückgetreten ist. Der sagte im Deutschlandfunk:

Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen.

Der ganz große Unterschied in den Äußerungen möchte mir hier tatsächlich nicht ins Auge springen. Auch das Auswärtige Amt liegt übrigens im Wortlaut auf einer Linie mit Köhler. Auf der Webseite zum Einsatz “Atalanta”, bei dem gegen Piraten vor der somalischen Küste vorgegangen wird, kommt der “Schutz der Handelswege” durch die Bundeswehr zur Sprache.

Alles in allem hat der ehemalige Bundespräsident wohl nicht etwas weltbewegend Neues von sich gegeben. Einzig die langen Schachtelsätze ließen wohl etwas mehr Raum für Spekulationen, den die Medien auch sofort besetzten und daraus Schlagzeilen am Fließband produzierten. Das lässt durchaus den Schluss zu, dass es sich bei dieser ganzen Geschichte wohl eher um eine lächerliche Medienposse handelt, bei der die inzwischen ständig auf Krawall gebürsteten Elite-Journalisten einfach mal wieder auf Biegen und Brechen einen Skandal konstruieren wollten.

Bekanntlich ist ihnen das dann auch gelungen und nun können sie sich in der üblichen selbstbeweihräuchernden Art auf die Schulter klopfen und sich über die Leberwurst Köhler echauffieren. Ich habe angesichts dieser aus dem Ruder laufenden Rowdytruppe inzwischen großen Respekt vor Horst Köhler, der bei diesem dümmlichen Medienmist einfach nicht mehr mitmachen wollte.

Was jetzt bleibt, ist natürlich die Frage: Wenn Köhler wegen dieser Äußerungen zurückgetreten ist, was dürfen wir dann von unserem überaus beliebten Bundesaußenminister Westerwelle erwarten? Wird er auch auf der Rücktrittswelle reiten oder einfach weiter machen wie bisher? Obwohl, Westerwelle hat ja schon bewiesen, dass er sich häufig nicht mehr daran erinnert, was er früher gesagt hat. Aber das kann man sich ja inzwischen bei unseren Qualitätsmedien auch erlauben.

Kultur

Wie Nachrichtensendungen funktionieren…

Scheinbar frage nicht nur ich mich, wie Nachrichtensender eigentlich ihr 24-Stunden-Programm füllen. Die Lösung ist ziemlich einfach, mit völlig sinnlosen Pseudoereignissen.

Die genialen Leute von The Onion haben hier mal messerscharf analysiert, wie so eine typische Lückenfüller-Nachricht aussieht:

Genauso läuft das in den Massenmedien – “I’m an older man, so you can trust what I say!”

Leben

Massengrab

Michael Jackson wird zur Stunde ja bekanntermaßen zu Grabe getragen, oder wurde bereits, dass kann ich Moment nicht sagen, je nachdem wie lang der Beitrag wird und wie lang diese Show andauern wird.

Jedenfalls kann ich gar nicht beschreiben wie sehr mich die ganze Berichterstattung schon wieder ankotzt. Was weniger an der Person Jackson liegt, als am Drumherum. Um eines klar zu stellen, ich möchte an dieser Stelle nicht über Micheal Jackson herziehen, sein Werk in Frage stellen oder irgendetwas in dieser Richtung tun. Es liegt nur gerade nahe ihn als Beispiel zu wählen. Denn eines kann ich nicht verstehen - Was treibt Menschen dazu, dort zu Millionen hin zu pilgern. Unweigerlich muss ich mich fragen: Läuft da was bei denen oder bei mir grundsätzlich falsch? weiterlesen…

Leben

Grundpreischaos

sale.jpgCreative Commons License by moiles

Manchmal frag ich mich, wie wir ohne Medien im Leben klarkommen würden – wir wären völlig aufgeschmissen. Wie sonst würde ich endlich verstehen, dass man sein Auto nicht abwracken sollte, wenn der Altwagen noch mehr als 2500 Euro wert wäre. Das erfuhr ich heute von der ADAC-Pressesprecherin in einem Fernsehinterview. Service für Rechenschwache.

Auch für Menschen mit Zahlenproblemen: die neue Verpackungsrichtlinie der EU. Im Moment bekommt man in jeder Hausfrauensendung vermittelt, dass durch den Fall festgeschriebener Verpackungsgrößen das Chaos im Supermarkt ausbrechen wird.

All überall wird nun Betrug vermutet – und natürlich, die Gefahr, dass die Hersteller versteckte Preiserhöhungen durchführen gibt es tatsächlich. Allerdings, ganz so blöde, wie immer propagiert wird, sind unsere lustigen EU-Abgeordneten nun doch nicht.

Schließlich geht’s bei dem Wegfall der Verpackungsregelung nicht darum die bösen Kapitalistenschweine zu noch mehr Geld zu bringen – na gut irgendwie doch. Aber wir dummen Bauern haben auch etwas davon, nämlich mehr Wettbewerb und damit irgendwie auch bessere Angebote im Supermarkt.

Denn die Hersteller können nicht nur kleinere Verpackungen ins Regal stellen sondern auch größere. Jeder der mal im Ausland eine 1-Literflasche Bier erstanden hat, wird wissen, wie toll es sein kann.

Und waren es nicht die Singles, die sich bisher immer über die zu großen Verpackungsgrößen beschwert haben?! Ab sofort kann es durchaus Single-Milchpackungen geben, genauso wie Dorfsäufer-Bierflaschen.

Wer damit nicht klarkommt, der kann sich ja an die Grundpreisauszeichnungen der Supermärkte halten, die es ja schon seit sehr langer Zeit gibt (auch, wenn die Prekariat-Fernsehsender das irgendwie noch nicht mitbekommen haben). Mit diesen Angaben kann man prima Preise vergleichen.

Also: Wat soll dat Lamentiererei?!, wie der Berliner sagen würde. Freuen wir uns auf große Bierflaschen, kleine Mehlverpackungen und noch mehr Blödheitsfernsehen.

Kultur

Radiohead

„Stoppt die Toastshow von Radio Energy“, ist im Moment an jeder Straßenecke Berlins zu lesen. Auf Transparenten an Brücken und Häuserfassaden, auf unzähligen Stickern und Flugblättern, wird zum Boykott der Morgen-Show von Radio Energy aufgerufen.

Dass Energy höchstselbst hier virales Marketing einsetzt, um die schwächelnde gute-Laune-Morgen-Show irgendwie bekannter zu machen, wurde dann dennoch recht schnell deutlich. Zu plump wird hier vorgegangen.

Dennoch wird der ein oder andere potenzielle Hörer auf die Show aufmerksam gemacht werden. Eine virale Kampagne hat gerade jetzt durchaus ihren Sinn, denn derzeit läuft die Frühjahrswelle der media analyse Radio.

In dieser telefonisch durchgeführten Umfrage wird durch die Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (ag.ma) ermittelt, welche Radiosender in Deutschland gehört werden. Anders als beim Fernsehen, wo durch die GfK mit Hilfe einer kleinen Box die Fernsehgewohnheiten von rund 6000 ausgewählten Haushalten automatisch aufgezeichnet und dann auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet werden, ermittelt man die Radiohörerzahlen noch „manuell“.

Das tut die ag.ma zwei Mal im Jahr, im Frühjahr zwischen dem Januar und April und im Herbst zwischen September und Dezember – kurz die Frühjahrs- und Herbstwelle. Es werden dazu stichprobenartig Haushalte ausgewählt und telefonisch darüber befragt, welche Radiosender sie in der letzten Zeit gehört haben.

Außerdem wird erfragt, wie die Mediennutzung im Tagesverlauf aussieht. Daraus wird dann errechnet, wie viele Hörer ein Radiosender im Tagesverlauf hat und im Durschnitt hat. Diese Zahlen sind die harte Währung der Radiosender, denn über die Hörerzahlen werden die Werbepreise berechnet.

Der Knackpunkt bei der Telefonbefragung ist, dass sich die Hörer manchmal kaum daran erinnern, welche Radiosender sie in der letzten Zeit gehört haben. Deswegen wird nachgeholfen, die Interviewer nennen den Hörer dabei Sendernamen und Slogans und der Hörer soll dann sagen, ob er denn Sender kennt bzw. „schon mal gehört hat“.

Genau hier setzen die Radiosender mit ihrer Werbung an. Zu den Erhebungswellen der ma Radio werden regelmäßig riesige Gewinnspiele („250.000 Euro beim Morgen-Jockel zu gewinnen“ ) oder ähnliche Aktionen gestartet, die dann auch noch massiv mit Plakatwerbung an Bus- und S-Bahnhaltestellen begleitet werden. Die Devise: Der Radiosender muss in die Köpfe gehämmert werden, egal ob man Radio hört oder nicht.

Unterschwellig soll also der Radiosender ins Hirn gepresst werden, sodass bei der Interview-Frage „Welchen Sender haben sie gehört“ die Antwort „na hier, die ähhh mit dem Morgen Jockel“ heraus kommt.

So gesehen ist der Versuch von Energy ihre Sendung viral zu Vermarkten sicherlich keine üble Idee. Zwar haben sie ihre eigene Show mit der Aktion negativ konnotiert, aber negative Dinge merken sich Menschen bekanntlicherweise leichter als Schöne. Von Energy haben die Teilnehmer bei der ma-Befragung im Zweifelsfall tatsächlich mal „gehört“: „Ja, das ist doch der Sender mit dieser schrecklichen Morgenshow“.

In dieselbe Schublade kann man übrigens auch den „Busen-Skandal“ beim Bundesvision Song Contest stecken – reines Marketing für die ma Radio.

Tja, mit solch primitiven Methoden versucht man uns aus der Reserve zu locken. Doof nur, wenn man sich mit so einer Aktion zwar die Hörerschaft schön rechnet, aber den Ruf ruiniert. Welches seriöse Unternehmen will schon bei solchen Sendern werben? So etwas kann sich ganz schnell zum klassischen Eigentor entwickeln.

Aber mal ehrlich, wer hört schon noch Radio? ;)

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